Wendel: „Einstellung ist nicht verhandelbar – aber Erfolg hat viele Gesichter“ (Fünferkette) – Duplikat

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Handball Männer Regionalliga 2024/2025 16.11.2024 HSG Albstadt - HSG Ostfildern Trainer Andreas Wendel (li) mit Tobias Hilsenbeck (re., beide HSG Albstadt) FOTO: ULMER Pressebildagentur / Tom Vetter xxNOxMODELxRELEASExx
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Warum Talent allein im Nachwuchssport oft nicht ausreicht und was Jugendtrainer von Schalke-Ikone Norbert Elgert lernen können. Zum Start unseres neuen Formats „Fünferkette“ blickt HSG-Albstadt-Trainer Andreas Wendel tief hinter die Kulissen des Leistungssports: Er erklärt, warum der Weg junger Athleten einem Marathon gleicht, was die „Grit“-Forschung mit späteren C-Level-Karrieren zu tun hat und warum die allerwichtigste Medaille am Ende abseits des Spielfelds gewonnen wird.

Einstellung ist nicht verhandelbar – aber Erfolg hat viele Gesichter

Vor Kurzem bin ich über ein Interview mit Norbert Elgert gestolpert, der seit Jahrzehnten in der Nachwuchsförderung des FC Schalke 04 arbeitet und zahlreiche spätere Profis begleitet hat. Ein Satz ist bei mir besonders hängen geblieben: „Einstellung ist nicht verhandelbar.“
Eigentlich ein einfacher Satz. Aber als Trainer beschäftigt mich genau dieser Gedanke schon lange: Warum schöpfen manche Spielerinnen und Spieler ihr Potenzial aus, während andere trotz vielleicht sogar größerer Begabung irgendwann stehen bleiben?

Wir Trainer lieben Talent. Schnelligkeit, Athletik, Spielverständnis, technische Fähigkeiten – und schnell beginnen wir darüber nachzudenken, was aus einem jungen Menschen einmal werden könnte. Aber Talent ist zunächst einmal nur eine Voraussetzung. Talent allein reicht nicht.

An dieser Stelle musste ich an Angela Duckworths Buch Grit denken. Sie beschreibt „Grit“ vereinfacht als die Verbindung aus Leidenschaft und Beharrlichkeit für ein langfristiges Ziel. Für mich passt das hervorragend zum Leistungssport.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie motiviert bin ich heute?

Sondern: Wie wichtig ist mir mein Ziel noch, wenn es schwierig wird?

Wenn ich spiele, Tore mache, gelobt werde und wir gewinnen, ist vieles einfach. Einstellung zeigt sich in den anderen Momenten: Wenn ich auf der Bank sitze. Wenn jemand anderes auf meiner Position spielt. Wenn ich nicht zur Auswahl eingeladen werde. Wenn ich Kritik bekomme, verletzt bin oder meine Entwicklung stagniert. Und vor allem: Was mache ich, wenn niemand hinschaut?

Der zusätzliche Lauf in den Ferien. Zehn Minuten Stabilisation. Ein paar Würfe nach dem Training. Vernünftige Regeneration. An einer Schwäche arbeiten, obwohl es mehr Spaß machen würde, das zu trainieren, was man sowieso schon gut kann. Dafür gibt es keinen Applaus. Aber aus genau diesen kleinen Entscheidungen kann über Jahre etwas Großes entstehen. Denn der Weg zum Profisportler – und vielleicht auch der Weg zu einer starken Persönlichkeit – ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Es geht nicht darum, mit 13, 14 oder 15 Jahren schon der Beste zu sein. Entwicklung verläuft selten geradlinig. Entscheidend ist, wer bereit ist, langfristig weiterzuarbeiten und auch Rückschläge auszuhalten.

Und wenn es trotzdem nicht zum Profi reicht?

Hier kommt für mich eine mindestens genauso wichtige Botschaft: Das ist überhaupt nicht schlimm. Wir dürfen ambitioniert sein. Wir dürfen Leistung einfordern und von Bundesliga, Nationalmannschaft oder Profisport träumen. Aber selbst Talent, Einstellung und jahrelange Arbeit sind keine Garantie für eine Profikarriere. Und trotzdem war der Weg nicht umsonst.

Denn wer über Jahre leistungsorientiert Mannschaftssport betreibt, lernt Dinge, die weit über die Sporthalle hinausgehen. Verantwortung übernehmen. Teil einer Gemeinschaft sein. Mit Kritik umgehen. Sich manchmal unterordnen und manchmal vorangehen. Gewinnen – und vor allem verlieren. Nach Rückschlägen wieder aufstehen.

Dass diese Erfahrungen auch später wertvoll sein können, zeigen Untersuchungen. In einer Befragung von EY und espnW hatten beispielsweise 94 Prozent der befragten Frauen in C-Level-Führungspositionen früher selbst Sport betrieben, 52 Prozent sogar auf College- beziehungsweise Universitätsniveau. Das bedeutet natürlich nicht, dass 94 Prozent aller Sportlerinnen später Führungskräfte werden. Es zeigt aber einen interessanten Zusammenhang. Eigenschaften wie Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Zielorientierung, Zeitmanagement und der Umgang mit Druck sind eben nicht nur im Sport gefragt.

Wir sind mehr als Trainer

Und genau deshalb sollten wir uns im Nachwuchssport immer wieder bewusst machen: Wir sind nicht nur Trainer. Wir sind auch Erzieher, Mentoren, Vorbilder und Wegbegleiter. Natürlich wollen wir Spiele gewinnen und Spielerinnen und Spieler technisch, taktisch und athletisch besser machen.

Aber wir vermitteln gleichzeitig Werte. Wie gehen wir mit Fehlern um? Wie reagieren wir auf Niederlagen? Wie behandeln wir andere? Was bedeutet Verlässlichkeit? Wie übernehmen wir Verantwortung?

Das alles ist Ausbildung. Nicht ausschließlich zum Handballspieler, sondern zum Menschen.

Wenn aus einer Jugendmannschaft später zwei Spielerinnen oder Spieler höherklassig Handball spielen, ist das ein großartiger Erfolg. Wenn aus den anderen selbstbewusste Erwachsene werden, die Verantwortung übernehmen, Teams führen, sich engagieren oder irgendwann selbst Kinder trainieren, war unsere Arbeit ebenfalls erfolgreich.

Deshalb dürfen wir den Leistungsgedanken nicht weichspülen. Wir dürfen ambitioniert sein. Wir dürfen fordern. Und wir dürfen Einstellung einfordern. Aber Erfolg im Nachwuchssport darf nicht ausschließlich daran gemessen werden, wer später Profi wird. Denn der Profisport ist nur für wenige erreichbar und selbst für diejenigen irgendwann vorbei.

Was bleibt, ist das, was der Sport aus einem Menschen gemacht hat.

Deshalb bedeutet Elgerts Satz für mich nicht, dass jeder Profi werden muss.

Einstellung ist nicht verhandelbar. Profisport aber auch nicht das einzige Ziel.

Der Weg zum Profisportler ist ein Marathon. Der Weg zu einer starken Persönlichkeit vielleicht noch viel mehr. Nicht jeder wird im Profisport über die Ziellinie laufen. Aber jeder sollte den Leistungssport als stärkere Persönlichkeit verlassen, als er ihn betreten hat.

Und vielleicht ist genau das am Ende unser größter Erfolg als Trainer.

HSG Albstadt Logo

Andreas Wendel

HSG Albstadt
Fünferkette Porträt
🎯 Aktuelle Station
HSG Albstadt (Männer 1)
Cheftrainer • Aufstieg in die 3. Liga (2026)
📍 Region & Verband
Zollernalb
Aktiv als Verbandstrainer in der Talentförderung
🗺️ Der bisherige Weg
HSG Hossingen-Meßstetten
Sportlicher Leiter, Vorstandsmitglied und Nachwuchstrainer (tiefe regionale Verbundenheit).
JSG Balingen-Weilstetten
Über 8 Jahre prägende Arbeit im leistungsorientierten Nachwuchshandball.
Höherklassiger Frauenhandball
Weitere wichtige Trainerstationen im überregionalen Bereich.
🏆 Highlights & Erfolge
BW-Meister (C-Jugend) Jugendbundesliga-Qualifikation DHB-Pokalsieger (B-Jugend) Talente in 1. & 2. Bundesliga Jugend-Nationalspieler geformt
🧠 Trainer-Philosophie

„Warum Talent allein nicht reicht“: Der Fokus liegt nicht ausschließlich auf dem sportlichen Erfolg, sondern auf der nachhaltigen Entwicklung junger Spielerinnen und Spieler – sowohl sportlich als auch persönlich.

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