Spielgemeinschaften: Zweckehe mit Bindestrich-Alarm

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Fussball Bezirkspokal Bezirk Noerdlicher Schwarzwald 2019/2020 04.09.2019 SGM Goettelfingen /Baisingen II - SGM Goettelfingen /Baisingen I Benjamin Schweizer (li, (SGM G / I) gegen Daniel Ernst (Mitte, SGM G / II) FOTO: ULMER Pressebildagentur xxNOxMODELxRELEASExx
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Mit dem Format „So gesehen“ blicken unsere Redakteure ganz ungezwungen und mit klugem Blick auf Themen rund um den Lokalsport. Humorvoll, kritisch, analytisch oder einfach beschreibend – wir wollen Themen darstellen, die nicht im geregelten und  wöchentlichen Rhythmus Platz finden und einen eigenen Platz bekommen. 

Diesen Text hat unser Redakteur Yannik verfasst – mehr zu ihm findet ihr am ende des Artikels und jetzt viel Spaß beim lesen!

Es gab Zeiten, da war die Welt auf den Sportplätzen der Region noch überschaubar. Am Sonntag spielte die SG Rohrdorf-Eckenweiler gegen den TSV Weitingen und der FC Göttelfingen gegen den SV Baisingen. Auf dem Platz flogen die Fetzen, auf den Rängen wurde hitzig diskutiert, und nach Abpfiff wurde zusammen getrunken und unterhalten. Die Rivalität war echt, der Kader voll, und der Coach konnte nicht alle Spieler spielen lassen.

Ein Blick auf die heutigen Ansetzungen in den Kreis- und Bezirksligen offenbart einen Spielplan, der stellenweise wie eine Namensliste aus einer regionalen Gebietsreform wirkt. Beispiel Kreisliga B4 am vergangenen Wochenende: SGM Rohrdorf-Eckenweiler/Weitingen/Ergenzingen gegen SGM Sulz/Sigmarswangen/Holzhausen. Als hätte der Fußballgott selbst Regie geführt, ging die Partie 4:3 aus – vier Ortschaften schießen vier Tore, drei Ortschaften kontern mit drei Treffern. Was auf den ersten Blick wie ein Zungenbrecher für den Stadionsprecher wirkt, ist auf den zweiten Blick die Überlebensgarantie des ländlichen Amateurfußballs. Die Spielgemeinschaft – kurz SGM – ist vom Notfallplan zum Dauermodell geworden.

Aber: Ist das nun der schleichende Tod der traditionellen Dorfvereine oder die Rettung der lokalen Sportkultur? So gesehen ist es wohl eine pragmatische Vernunftehe mit Nebenwirkungen.

Der Grund für den Boom der SGMs liegt auf der Hand und schmerzt viele Vereinsfunktionäre seit Jahren: Demographischer Wandel, verändertes Freizeitverhalten und ein akuter Mangel an Ehrenamtlichen. Wenn am Freitagabend vor dem Auswärtsspiel nur noch acht Mann fest zusagen und der Trainer gleichzeitig auch noch Linienrichter, Platzwart und Kassierer sein muss, brennt die Hütte.

Hier kommt die SGM ins Spiel. Im Gegensatz zu einer endgültigen Vereinsfusion, die mit bürokratischem Großaufwand, Satzungsänderungen und oft auch emotionalen Grabenkämpfen verbunden ist, bleibt bei einer Spielgemeinschaft jeder Stammverein eigenständig.  Es werden lediglich die sportlichen Kräfte gebündelt.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Entlastung der Ehrenamtlichen: Kosten für Ausrüstung, Trainiergehälter oder Platzinstandhaltung verteilen sich plötzlich auf mehrere Schultern.
  • Garantierter Spielbetrieb: Egal ob 9er- oder 11er-Mannschaft – die Wahrscheinlichkeit, sonntags mit einer vollzähligen Truppe aufzulaufen, steigt massiv.
  • Trainerknappheit ade: Wenn drei Vereine ihre Ressourcen bündeln, findet sich meistens doch noch jemand, der sich die Pfeife umhängt.

Die Spielgemeinschaft – kurz SGM – ist vom Notfallplan zum Dauermodell geworden.

Romantik trifft Bürokratie: Wappen, Namen und Verbandsregeln

Wer glaubt, so eine SGM sei schnell beim Bier nach dem Training gegründet, hat die Rechnung ohne die Verbandsordnungen gemacht. Denn wo im Amateurfußball gekickt wird, da regiert auch der Paragraf.

Nehmen wir das Wappen: Überall im Land entstehen derzeit spektakuläre Grafik-Kreationen. Da werden die Farben von drei Traditionssportclubs im Bildbearbeitungsprogramm zusammengewürfelt, bis ein neues Emblem entsteht, das stolz auf den neuen Trikots prangt. Auch beim Namen versteht der Verband keinen Spaß: Das Kürzel „SGM“ ist Pflicht. Dahinter folgen die Namen der beteiligten Orte oder eine geografische Bezeichnung (beispielsweise bei der SGM Nagold-Nord, bestehend aus den Vereinen SV Prondorf-Mindersbach und den SF Emmingen). Regelstandard sind Zusammenschlüsse aus bis zu drei Vereinen. Wer mehr braucht, muss beim Verband schon sehr gute Argumente vorlegen. Dass das in der Praxis trotzdem nötig sein kann, zeigt der Blick in den Bezirk Nordschwarzwald. Bei den Herren zählen wir aktuell bereits über 20 SGMs, bei den Frauen sind es immerhin sieben.

Ein Paradebeispiel für diese Entwicklung ist die bereits erwähnte SGM Rohrdorf-Eckenweiler/Weitingen/Ergenzingen. Was 1997 als bescheidene SG Rohrdorf-Eckenweiler begann, erweiterte sich in der Saison 2017/2018 um den TSV Weitingen. Zur Saison 2024/2025 schloss sich schließlich noch die zweite Mannschaft des TuS Ergenzingen an. Vier Ortschaften, ein Team. Was früher Stoff für jahrzehntelange Derbys war, steht heute gemeinsam in einer Kabine.

Der Preis der Vernunft: Hoher Aufwand und Aufstiegsdeckel

Wo viel Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Denn die Zweckverbindung bringt ganz eigene Tücken mit sich:

  1. Die Logistik: Wer spielt wann wo? Trainiert man Mittwoch auf dem Kunstrasen in Ort A und Freitag auf dem Rasenplatz in Ort B? Für die Spieler bedeutet das längere Anfahrtswege – und für die Kassierer verwaiste Vereinsheime an den Tagen, an denen „auswärts“ im Nachbardorf gespielt wird.
  2. Der Abstimmungsaufwand: Wenn drei Vorstände und zwei Trainerteams mitreden wollen, wird die Vorstandssitzung schnell zum diplomatiques Parkett.
  3. Die sportliche Decke: SGMs dürfen in der Regel maximal bis zur Bezirksliga (bei den Frauen bis zur Regionenliga) an den Start gehen. Ein Aufstieg in die Landes- oder Verbandsliga ist mit harten Hürden verbunden. Er ist oft nur möglich, wenn die SGM in ihrer Konstellation bereits mindestens drei Jahre durchgehend bestanden hat oder entsprechende Nachweise in der Jugendarbeit erbringt.

Fazit: Das Neue Normal auf dem Land

Ist die SGM also nun eine Notlösung? Ja, ursprünglich war sie das. Aber sie ist auch der Beweis dafür, dass der Lokalsport lernfähig ist. Lieber wird sonntags in einem Trikot mit drei Vereinslogos und einem Bandwurmnamen um Punkte gespielt, als den Spielbetrieb komplett einzustellen und den Rasenplatz dem Löwenzahn zu überlassen. Die Rivalität von früher weicht der Kameradschaft von heute. Und ganz ehrlich: Nach dem ersten gemeinsamen Derbysieg schmeckt das Kaltgetränk in der Kabine sowieso allen gleich gut – ganz egal, welches Vereinsheim im Impressum steht.



Über den Redakteur Yannik Haar: Seit rund zwei Jahren bin ich bei Match.Report für den Bezirk Nordschwarzwald verantwortlich und kümmere mich um Grafikdesign, Blog-Artikel, Social-Media-Posts sowie das Follower-Management. Nach vielen Jahren aktiver Zeit beim SV Vollmaringen in der Bezirksliga stehen die Kickschuhe inzwischen im Schrank.