Durst wie nach 90 Minuten

Du betrachtest gerade Durst wie nach 90 Minuten
Die Ersatzbank ist im Amateurfußball ein besonderes Plätzchen. Symbolfoto: Ulmer

Mit dem Format „So gesehen“ blicken unsere Redakteure ganz ungezwungen und mit klugem Blick auf Themen rund um den Lokalsport. Humorvoll, kritisch, analytisch oder einfach beschreibend – wir wollen Themen darstellen, die nicht im geregelten und  wöchentlichen Rhythmus Platz finden und einen eigenen Platz bekommen. 

Diesen Text hat unser Redakteur Matthias verfasst – mehr zu ihm findet ihr am Ende des Artikels und jetzt viel Spaß beim lesen!

Pünktlich, pflichtbewusst, putzmunter: So steht er sonntags um 13 Uhr auf dem Parkplatz vorm Sportheim, den Eiskoffer in der einen Hand, den Ballsack in der anderen. Jede Kreisliga-Mannschaft hat so einen. Während die Stützen des Teams auf den letzten Drücker eintrudeln und beim Einparken noch überlegen, ob sie die Kickschuhe eingepackt haben, ist er mental längst bereit für das Spiel, hat sich bestens über den Gegner informiert und kennt auch dessen Schwachstellen. Spielen wird er heute wahrscheinlich nur, wenn der Spielstand klar ist, und auch dann nicht allzu lange. Das weiß er, das wissen alle. Mitgekommen ist er trotzdem, wie jede Woche.

Die Kabine – ein magischer Ort

Doch bevor er sich auf die Bank setzt, wartet die Kabine. Die Magie einer Fußballkabine vor und nach dem Training und den Spielen ist es, die ihn bei der Stange hält: die Gespräche, die Witze, das endlose Philosophieren über die richtige Taktik und die Partys nach Siegen. Im Kreis vor dem Spiel ist er der, der am lautesten brüllt und dem Stürmer mit Ladehemmung neuen Mut zuspricht. Das ist der Grund, warum er kommt. Die Spielzeit ist Nebensache.

Fünf Wechsel, ein Platz auf der Bank

Dann geht es raus auf die Ersatzbank. Man könnte vermuten, dass sich im Verband jemand Gedanken über ihn und all die Amateurkicker gemacht hat, die nach der Arbeit auf dem Fußballplatz stehen und sonntags auf ihre Spielzeit warten, als das mit den fünf Wechseln eingeführt wurde. Doch wer das glaubt, den könnte man als naiv bezeichnen. Gedacht wurde, wie so oft, zuerst an die strapazierten Profis. Im Mai 2020, nach der Corona-Pause, sollten die Waden der Profis geschont werden, also erlaubten FIFA und IFAB fünf Wechsel. Im Sommer 2022 wurde aus der Notlösung eine Dauerregel. Bei den Amateuren im Württembergischen Fußballverband kam sie mit etwas Verspätung und eher nebenbei an: Bis 2023 waren nur vier Wechsel erlaubt, seit der Saison 2023/24 sind es fünf. Ein Abfallprodukt der Profi-Sorgen also, aber eines, über das sich die Dauerreservisten freuen.

Ein Fußballer steht vor der Ersatzbank, hält die Lineinrichterfahne und sich in eine Decke eingemummelt.

Ein Abfallprodukt der Profi-Sorgen also, aber eines, über das sich die Dauerreservisten freuen.

Jetzt darf der Trainer in der Kreisliga fünfmal wechseln. Für diesen einen Spieler, der während des Spiels vorbildlich mal als Linienrichter und mal als Mannschaftsarzt bei Verletzungspausen agiert, ist die Aufstockung ein Segen. Vor ihm kommen zwar die A-Jugendlichen, der Neuzugang, der Flügelflitzer und der Routinier zum Einsatz, aber er weiß: Seine Stunde schlägt, wenn das Spiel entschieden ist.

Die Bank als Stammtisch

Bis dahin sitzt er mit den Ersatzleuten in einer Reihe, die Jacke bis zum Kinn gezogen. Die Gespräche sind oft unterhaltsamer als das, was auf dem Platz passiert. Zuerst wird das Wochenende minutiös nachbesprochen: Wer ist am Samstag wo versackt, und wer sieht heute verdächtig blass aus? Danach folgen die wichtigen Fragen des Lebens: Wo gibt es die beste Currywurst im Umkreis, wer fährt neuerdings einen Kombi, und passt der überhaupt noch in die Parklücke vorm Sportheim?

Und dann wird gewitzelt und gefachsimpelt. Denn nirgends auf der Welt gibt es so viele gute Trainer wie auf der Ersatzbank. Vergibt der Stürmer die Großchance, heißt es: „Den macht doch jeder von uns.“ Auf jeden verlorenen Zweikampf folgt eine ausführliche Fehleranalyse. Kommt aber einer der Experten selbst aufs Feld, sieht es meistens anders aus, und der Ball springt ihm bei der ersten Annahme über den Spann – Platzfehler, versteht sich.

Fünf Minuten

Irgendwann kommt auch sein Moment. Er ist längst bereit, ist vorher dreimal die Linie auf und ab gelaufen, hat die Waden gedehnt und ein, zwei Sprints angezogen. Dann, nach 85 Minuten, schreit der Trainer seinen Namen: Es steht 4:0 für sein Team, und die drei Punkte sind unter Dach und Fach. Fünf Minuten plus Nachspielzeit. Voller Vorfreude geht er aufs Feld, rennt jedem Ball hinterher und grätscht, als stünde der Aufstieg auf dem Spiel. Den Ball bekommt er vielleicht zweimal. Nach dem Abpfiff klopft ihm einer auf die Schulter. Das reicht ihm.

Nach dem Spiel ist vor dem Bier

Wie immer hat ein Gönner des Vereins nach einem Sieg einen Kasten Bier spendiert. Und wer greift als Erster zur Bierflasche, schon auf dem Platz, mit blitzsauberem Trikot? Klar, er hat ja schließlich den Sieg über die Zeit gerettet. Fünf Minuten gespielt, Durst wie nach 90. Im Sportheim ist er dann der Lauteste. Quer durch den Raum ruft er dem Wirt hinterher, wo die nächste Bierlisel bleibt. Wer ihn hört, könnte meinen, er sei heute der Matchwinner gewesen. Dabei hat er nur fünf Minuten gespielt, aber die mit voller Hingabe.

Wer den Eiskoffer wegräumt

Er ist einer der verlässlichsten Menschen im Verein. In fast jedem Training ist er anwesend, fast jeden Sonntag ist er zur Stelle, obwohl er weiß, dass er wieder auf der Bank landet. Er baut die Tore auf und streut den Platz, wenn mal wieder keiner sonst Zeit hat. Wenn es hinter der Theke klemmt, übernimmt er den Zapfhahn, ohne zu murren. Und wenn der Letzte das Sportheim verlassen hat, räumt er den Eiskoffer und den Ballsack auf.

Pünktlich, pflichtbewusst, putzmunter. Und nächsten Sonntag steht er um 13 Uhr wieder auf dem Parkplatz.

Über den Redakteur Matthias Zahner: Seit vielen Jahren berichtet Matthias über den regionalen Sport im Zollernalbkreis. Als volontierter Redakteur, passionierter Kicker und Tennisspieler kennt er die Sportplätze der Region von beiden Seiten. Bei Match.Report ist er für die „Socials” zuständig und schreibt die Kolumne „So gesehen”.