Wenn sich die Kabine vor dem Anpfiff beruhigt, kreisen die Gedanken von Co-Spielertrainer und Torhüter Lucas Finkbeiner längst nicht mehr nur um die eigene Leistung. Zwischen mentaler Härte nach langen Arbeitstagen, dem Spagat als Freund und Trainer sowie dem unsichtbaren, aber unverzichtbaren Team der Ehrenamtlichen beleuchtet er die DNA des Amateurfußballs. Mit Titeln wie der Bezirksligameisterschaft und dem Bezirkspokal im Rücken nimmt er euch mit auf eine Reise durch Teamkultur, Verantwortung und echte Werte. Erfahrt in der neuen Fünferkette, warum Fußball am Ende eben doch ein echtes Lernfeld fürs Leben ist!
Fußball – mehr als nur 90 Minuten
Der Moment kurz vor dem Spiel ist für mich jedes Wochenende etwas Besonderes.
Die Kabine wird langsam ruhiger. Die letzten Sprüche werden gemacht, die Musik leiser gedreht und jeder bereitet sich auf seine Weise auf die kommenden 90 Minuten vor. Früher habe ich als Torwart in diesen Momenten hauptsächlich an mich gedacht. Bin ich bereit? Bin ich wach? Kann ich der Mannschaft heute Sicherheit geben?
Heute sieht das etwas anders aus.
Als Co-Trainer kreisen meine Gedanken oft um ganz andere Themen. Haben wir die Mannschaft richtig vorbereitet? Haben wir die richtigen Worte gefunden? Erreichen wir jeden Spieler? Und sind wir als Team bereit für die Aufgabe, die vor uns liegt?
Genau diese unterschiedlichen Perspektiven haben mir in den letzten Jahren gezeigt, dass Amateurfußball viel mehr ist als ein Hobby.
Von außen betrachtet spielen wir Fußball. Zweimal Training, ein Spiel am Wochenende, dazu vielleicht noch ein Mannschaftsabend. Die Realität ist oft eine andere.
Auch im Amateurfußball gibt es Druck.
Natürlich verdient keiner von uns seinen Lebensunterhalt damit. Trotzdem wollen wir gewinnen. Wir wollen erfolgreich sein. Wir wollen Verantwortung übernehmen. Jeder Spieler investiert Zeit, Energie und oft auch einen großen Teil seiner Freizeit. Da entsteht automatisch eine Erwartungshaltung an sich selbst und an die Mannschaft.
Gerade deshalb wird häufig unterschätzt, wie viel mentale Stärke im Amateurbereich notwendig ist. Nach einem langen Arbeitstag bei Wind, Regen und Dunkelheit auf den Trainingsplatz zu gehen, verlangt manchmal mehr Disziplin als ein Außenstehender denkt.
Dabei habe ich gelernt, dass Talent alleine selten ausreicht.
Die besten Mannschaften, die ich erleben durfte, waren nicht immer die talentiertesten. Es waren oft die Teams, die bereit waren, füreinander zu arbeiten. Mannschaften, in denen Verlässlichkeit wichtiger war als große Worte und in denen jeder wusste, dass Erfolg nur gemeinsam möglich ist.
Mentalität schlägt Talent häufiger, als viele glauben.
Mit den Jahren habe ich aber noch etwas anderes verstanden.
Kein Verein würde funktionieren, wenn sich alles nur um die Spieler drehen würde.
Wenn wir sonntags auf den Platz laufen, sehen die Zuschauer die Mannschaft. Was viele nicht sehen, sind die Menschen dahinter. Diejenigen, die seit zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahren Woche für Woche Aufgaben übernehmen. Die den Sportplatz vorbereiten, Sponsoren betreuen, Veranstaltungen organisieren, Jugendmannschaften begleiten oder nach Feierabend noch Sitzungen besuchen.
Viele dieser Menschen stehen nie im Mittelpunkt. Trotzdem sind sie oft die wichtigste Mannschaft eines Vereins.
Je länger ich selbst im Vereinsleben eingebunden bin, desto größer wird mein Respekt vor diesen Menschen. Denn mittlerweile sehe ich den Fußball nicht mehr nur aus der Sicht eines Spielers.
Der Perspektivwechsel zum Trainer hat mir noch einmal eine ganz neue Sicht auf viele Dinge gegeben.
Als Spieler blickt man verständlicherweise oft auf die eigene Leistung, die eigene Einsatzzeit oder das nächste Spiel. Sobald man Verantwortung für eine Mannschaft übernimmt, verändert sich dieser Blick. Plötzlich beschäftigt man sich mit Themen, über die man früher kaum nachgedacht hat. Man lernt, Entscheidungen zu treffen, die nicht jedem gefallen. Man lernt zuzuhören. Man lernt Konflikte zu lösen. Und man lernt, dass Führung häufig bedeutet, die Bedürfnisse vieler Menschen unter einen Hut zu bringen.
Das Spannende daran ist: Diese Erfahrungen helfen nicht nur auf dem Sportplatz.
Viele Dinge, die ich durch meine unterschiedlichen Rollen im Verein gelernt habe, begleiten mich auch im privaten und beruflichen Leben. Kommunikation, Verlässlichkeit, Verantwortung übernehmen, mit Kritik umgehen oder Entscheidungen treffen, wenn es keine perfekte Lösung gibt. Das sind Fähigkeiten, die man nicht in einem Lehrbuch lernt. Man lernt sie Woche für Woche im Vereinsleben.
Vielleicht ist genau das einer der größten Werte des Amateurfußballs.
Er entwickelt nicht nur Fußballer, sondern Menschen.
Besonders spürt man das, wenn man gleichzeitig Freund, Mitspieler und Co-Trainer ist.
Viele meiner Mitspieler kenne ich seit Jahren. Mit einigen verbindet mich deutlich mehr als nur Fußball. Genau das macht unseren Sport so besonders. Gleichzeitig bringt diese Rolle auch Herausforderungen mit sich. Denn manchmal muss man Entscheidungen vertreten, die unpopulär sind. Manchmal muss man Dinge ansprechen, die ein Freund vielleicht nicht gerne hört.
Dann zeigt sich, was Führung wirklich bedeutet.
Führung hat für mich nichts mit Lautstärke oder Titeln zu tun. Führung bedeutet Verantwortung. Verantwortung für die Mannschaft, für den Verein und für die Werte, die man vertreten möchte. Es bedeutet, voranzugehen, wenn es schwierig wird und sich nicht nur dann zu zeigen, wenn alles läuft.
Wenn ich heute kurz vor dem Spiel in der Kabine sitze, denke ich deshalb nicht mehr nur an die nächsten 90 Minuten.
Ich denke an die Menschen, die diesen Sport möglich machen. An die Mannschaft. An die Ehrenamtlichen. An die Verantwortung, die jeder von uns trägt.
Und ich denke daran, wie viel uns der Amateurfußball fürs Leben mitgeben kann.
Vielleicht sind es am Ende genau diese Dinge, die bleiben, wenn die letzten Spiele längst gespielt sind. Nicht die Tabellenstände oder Ergebnisse. Sondern die Erfahrungen, die Menschen und die Werte, die uns über viele Jahre geprägt haben.
Denn Fußball ist manchmal mehr als nur Fußball. Gerade im Amateurbereich.
