Mit dem Format „So gesehen“ blicken unsere Redakteure ganz ungezwungen und mit klugem Blick auf Themen rund um den Lokalsport. Humorvoll, kritisch, analytisch oder einfach beschreibend – wir wollen Themen darstellen, die nicht im geregelten und wöchentlichen Rhythmus Platz finden und einen eigenen Platz bekommen.
Diesen Text hat unser Redakteur Yannik verfasst – mehr zu ihm findet ihr am ende des Artikels und jetzt viel Spaß beim lesen!
Der Bezirk Nordschwarzwald erstreckt sich über den Landkreis Freudenstadt, weite Teile des Landkreises Calw sowie angrenzende Gebiete. Wer die Landkarte genauer studiert, erkennt schnell die wahren Härtefälle der Reform. Was früher nur Teams aus der Landesliga oder Verbandsliga kannten, nämlich lange Auswärtsfahrten, betrifft nun auch die Ligen darunter. Der Lokalsport hat damit ein ganz neues Anforderungsprofil gewonnen: Neben Passspiel und Kondition entscheiden mittlerweile auch die Tankfüllung und ein verlässliches Navi über Erfolg und Niederlage.
Wenn der Tabellensüden wörtlich gemeint ist
Wie sehr sich die Gewichte verschoben haben, zeigt ein Blick in die Kreisliga A1. Der SV Vollmaringen und die SGM Göttelfingen/Baisingen bildeten im früheren Altbezirk Horb noch das nordöstlichste Ende der Fußballlandkarte. Durch die neue Einteilung markieren die Klubs plötzlich das tiefste Südende der Liga und messen sich überwiegend mit Teams aus dem Calwer Raum.
Klopft die Liga das Teilnehmerfeld auf seine Maximaldistanzen ab, werden die neuen Dimensionen erst richtig deutlich: Steht für den SV Vollmaringen oder die SGM Göttelfingen/Baisingen die Auswärtsfahrt zum TSV Möttlingen an, liegen rund 45 Kilometer Landstraße und eine dreiviertel Stunde Anfahrt zwischen den Kabinentüren. Selbst zwischen Simmersfeld und Gechingen spult der Tross knapp 34 Kilometer ab. Was früher ein schnelles Nachbarderby um die Ecke war, fühlt sich heute an wie die Anreise zu einem Vorbereitungsturnier am anderen Ende des Landkreises.
60 Kilometer Auswärtsfahrt? Die Frauen machen keine halben Sachen
Dass die Geografie auf Bezirksebene vor keinem Team Halt macht, beweist auch die Bezirksliga der Frauen. Dort markiert die Verbindung zwischen den Spfr Gechingen und der SGM Bergfelden/Vöhringen das absolute Auswärts-Highlight: Über 60 Kilometer und eine Anfahrt über die A81 trennen die beiden Sportplätze. Wenn die Gechingerinnen die Tour Richtung Sulzer Raum antreten oder umgekehrt die SGM Bergfelden/Vöhringen den Weg in den Landkreis Calw auf sich nimmt, fühlt sich der Ausflug am Samstag oder Sonntag eher nach einem Kurzurlaub an als nach einem regulären Spieltag.
Eine ganz eigene Kategorie bildet ohnehin die Begegnung in der Bezirksliga zwischen dem SV Baiersbronn und dem VfL Ostelsheim: Gute 60 Kilometer Trennstrecke und mehr als eine Stunde Fahrtzeit über die B294 stehen hier auf dem Programm. Bei dieser Anreise lassen sich auf den Rücksitzen problemlos zwei komplette Podcast-Folgen durchhören.
Spannend bleibt die Frage, was passiert, sollten der VfL Ostelsheim und der SV Alpirsbach-Rötenbach eines Tages gemeinsam in einer Liga landen oder im Pokal aufeinander treffen. Bei fast 75 Kilometern Distanz quer durch das Gehölz stünde bei beiden Vereinen sicherlich die Überlegung im Raum, einen eigenen Reisebus anzumieten. Dass Fans und Mannschaft bei Relegationsspielen gemeinsam im Bus zur Entscheidung rollen, ist längst gewohnter Standard – doch auch im ganz normalen Ligaalltag würde so eine geschlossene Anreise mindestens einmal pro Saison für ein ganz besonderes Flair sorgen.
"Dass Fans und Mannschaft bei Relegationsspielen gemeinsam im Bus zur Entscheidung rollen, ist längst gewohnter Standard"
Wer braucht schon Feierabend? Wenn der Spielplan die Arbeitszeiten sprengt
Besonders bei Spielen unter der Woche führen diese Distanzen für Berufstätige zu erheblichem Zeitdruck und logistischem Aufwand. Schon im September gab es dazu das passende Anschauungsbeispiel in der Bezirksliga: An einem Donnerstag um 18:30 Uhr stand besagte Partie zwischen dem VfL Ostelsheim und dem SV Baiersbronn auf dem Plan. Wer bei gut 60 Kilometern Strecke um 17:30 Uhr in der Kabine sein möchte, muss spätestens um 16:15 Uhr den Zündschlüssel drehen. Das bedeutet für viele Aktive: Früher von der Arbeit wegkommen, Überstunden opfern oder hektisch im Trainingsanzug direkt vom Arbeitsplatz auf den Beifahrersitz springen.
Ähnlichen Stress bescherte das Pokal-Achtelfinale Anfang Oktober: Donnerstagabend, 19:30 Uhr, Anpfiff bei der Partie zwischen dem VfR Klosterreichenbach und dem SV Gültlingen. Gute 50 Kilometer Anfahrt durch den Feierabendverkehr plus eine Stunde Vorlaufzeit erforderten eine Abfahrt spätestens um 17:30 Uhr. Zieht sich eine solche Partie nach 90 Minuten noch direkt ins Elfmeterschießen, ist vor 21:15 Uhr an kein Ende zu denken. Nach Dusche, Kabinenanalyse und der einstündigen Rückfahrt rollt der Auswärtstross frühestens zwischen 22:30 Uhr und 23:00 Uhr wieder in der Heimat ein – und der Wecker am Freitagmorgen nimmt darauf bekanntlich keine Rücksicht.
Ein kleiner Trost im Bezirkspokal bleibt immerhin erhalten: Bis zum Achtelfinale teilt der Bezirk die Pokal-Teams geografisch in eine Nord- und eine Süd-Gruppe ein. Erst ab der Runde der letzten 16 werden die Töpfe gemischt und das muntere Reisen quer durch den Bezirk beginnt von Neuem.
Spritpreise, Sonntagsplanung und ruhige Ränge
Neben der reinen Zeit auf der Straße hinterlässt die neue Geografie vor allem an den Tankstellen ihre Spuren. Bei den ohnehin hohen Spritkosten schmerzt jeder zusätzliche Kilometer im Geldbeutel der Fahrgemeinschaften. Zudem dehnt sich der klassische Sonntagsausflug bei Fahrzeiten von über einer Stunde pro Strecke schnell auf den halben Tag aus.
Das wirkt sich auch auf die Kulisse aus: Während treue Anhängerinnen und Anhänger bei Nachbarderbys früher entspannt mit dem Fahrrad oder nach wenigen Autominuten am Sportplatz standen, überlegen sich Gelegenheitszuschauende bei 50 Kilometern Anfahrt zum Auswärtsspiel zweimal, ob die Tour absolviert wird. Das spiegelt sich auf manchen Sportplätzen in einer deutlich ruhigeren Kulisse wider.
Wer den Weg bei weiten Distanzen dennoch nicht zum Auswärtsspiel schafft, muss aber nicht komplett verzichten: Ohne der eigenen Arbeit zu viel Eigenlob aussprechen zu wollen, streamen wir von Match Report mittlerweile ausgewählte Partien der Bezirksliga – darunter alle Heimspiele des SV Eutingen. So bleibt zumindest die Option, das Spiel der eigenen Elf gegen die Eutinger bequem vom heimischen Sofa aus zu verfolgen.
Die schöne Seite der Medaille: Wimpeltausch und Namensbrüder
Doch wo lange Schatten geworfen werden, gibt es auch Licht. Denn so sehr die vollen Tankfüllungen und langen Fahrten auf das Gemüt schlagen können, bringt die Reform einen entscheidenden Vorteil mit sich: frischen Wind.
Die jahrzehntelang gleichen Duelle weichen neuen Gesichtern, unbekannten Sportplätzen und Kiosken, deren Wurst- und Pommesangebot es erst einmal zu testen gilt. Neben den weiten Touren sorgte die Umstrukturierung stellenweise auch für völlig neue Lokalduelle vor der Haustür. Letzte Saison etwa duellierten sich in der Kreisliga A der TSV Haiterbach und der SV Gündringen, eine Begegnung mit besonderer Note, da beide Vereine seit der Saison 2025/2026 bei den zweiten Mannschaften sogar in einer Spielgemeinschaft auflaufen.
Zudem entstehen durch die Durchmischung urplötzlich Freundschaften, die zuvor kaum denkbar gewesen wären. In der Bezirksliga schlägt sich heute die Brücke zwischen dem FV Grün-Weiss Ottenbronn und dem SV Baiersbronn. Aufgrund der namentlichen Ähnlichkeit beider Orte verbindet die Vereine abseits des Platzes ohnehin eine besondere Sympathie. Im Sommer 2025 machten die Clubs sogar Schlagzeilen, als offiziell eine noch engere freundschaftliche Liaison geknüpft wurde.
Dass aus der geografischen Not auch in anderen Ligen eine echte Tugend gemacht wird, bewiesen vorletztes Wochenende der SV Vollmaringen und der TSV Simmersfeld in der Kreisliga A1. Statt im verstreuten PKW-Tross rollte Vollmaringen gleich mit beiden Teams im geschlossenen Reisebus zum Auswärtsspiel an. Was als logistische Großtat begann, endete in gelebter Amateurfußball-Romantik: Bereits vor dem Spiel gab es einen offiziellen Wimpeltausch, nach dem Abpfiff folgte ein gemeinsames Abendessen im Sportheim und als Krönung der geschlossene Weiterzug auf ein Fest in Simmersfeld.
Am Ende zeigt sich: Die Bezirksreform mag zwar Distanzen schaffen, aber sie baut auch neue Brücken. Wenn aus langen Auswärtsfahrten am Ende gemeinsame Abende und neue Vereinsfreundschaften entstehen, ist der Amateurfußball genau dort, wo er sein soll.
Über den Redakteur Yannik Haar: Seit rund zwei Jahren bin ich bei Match.Report für den Bezirk Nordschwarzwald verantwortlich und kümmere mich um Grafikdesign, Blog-Artikel, Social-Media-Posts sowie das Follower-Management. Nach vielen Jahren aktiver Zeit beim SV Vollmaringen in der Bezirksliga stehen die Kickschuhe inzwischen im Schrank.
