Mit dem Format „So gesehen“ blicken unsere Redakteure ganz ungezwungen und mit klugem Blick auf Themen rund um den Lokalsport. Humorvoll, kritisch, analytisch oder einfach beschreibend – wir wollen Themen darstellen, die nicht im geregelten und wöchentlichen Rhythmus Platz finden und einen eigenen Platz bekommen.
Diesen Text hat unser Redakteur Matthias verfasst – mehr zu ihm findet ihr am Ende des Artikels und jetzt viel Spaß beim lesen!
Es gibt Niederlagen, die tun weh. Und es gibt Niederlagen, die tun noch ein bisschen mehr weh. Das 1:3 gegen den FC Holzhausen am Freitagabend in der Bizerba-Arena war für die TSG Balingen ein herber Nackenschlag.
Nicht wegen des Ergebnisses allein. Sondern wegen dem, was dahintersteckt.
FC Holzhausen in der Oberliga – kein Zufall
Beginnen wir mit dem FC Holzhausen. Der Verein aus dem Sulzer Teilort arbeitet seit Jahren daran, zumindest zur TSG Balingen aufzuschließen. Mit Hilfe eines finanzstarken Hauptsponsors schoss er sich dorthin zurück, wo er hinwollte: in die Oberliga. In der Vergangenheit hatte mal der Begriff „Balingen 3“ die Runde gemacht – als Gag, auf Kosten von Holzhausen, weil die Rot-Schwarzen über die Jahre viele frühere Balinger aufnahmen, die in der Kreisstadt nicht mehr zum Zug kamen oder sportlich steigen wollten. Jetzt trafen die beiden Teams am vergangenen Freitagabend in einem Punktspiel aufeinander.
Ex-Balinger schießen die TSG ab
Die Tore beim 3:1-Auswärtssieg der Holzhausener erzielten Leander Vochatzer – früher TSG – und Vladan Djermanovic – früher TSG-Jugend. Henry Seeger, Niklas Schäuffele, Julian Hauser, Carlos Konz, Enrico Huss, Trainer Daniel Seemann – auch sie kamen mit Balinger Vergangenheit im Gepäck in die Bizerba-Arena. Und Adrian Müller, der den Ball vor dem 2:0 verlor, musste unter Murat Isik erst die TSG verlassen, war dann nach Holzhausen gegangen, um in dieser Saison wieder zurückzukehren. „Ausgerechnet“ würden die Fußballkommentatoren sagen. Aber dieses häufig benutzte Wort hätte an diesem Abend zu vielen Szenen gepasst.
Die Niederlage saß - am Freitagabend und sie wird auch noch in den nächsten Wochen weh tun!
Wenn frühere Spieler zurückkehren – und gewinnen
Für Spieler, die einst in Balingen nicht mehr gebraucht wurden und nun in Holzhausen eine neue Heimat gefunden haben, dürfte dieser Sieg im Prestigeduell mehr als eine Genugtuung gewesen sein. Öffentlich wird das keiner von ihnen so sagen. Muss man aber auch nicht – das Spiel sprach für sich.
Für die TSG Balingen und Manager Jonathan Annel hingegen war es ein Abend, der lange nachhallen wird. Und der in dieser Woche mit Sicherheit so manches Gespräch forderte.
Was läuft falsch bei der TSG Balingen?
Denn die TSG muss sich Fragen stellen, die unbequem sind. Was wurde in der Regionalliga-Zeit falsch gemacht? War der Verein zu sehr damit beschäftigt, die Liga zu halten, statt wirklich voranzukommen? Wurden zu viele Spieler geholt, die schnell wieder weg waren? Der viel beschriebene „Balinger Weg“ – die Idee, auf Eigengewächse und regionale Identität zu setzen – war in der Vergangenheit an einem kritischen Punkt. Nun werden mehr Spieler aus der eigenen Jugend eingebaut. Was aber, wenn diese nicht liefern? Und wie lange geht es noch, bis der Blick nach unten unangenehm wird?
TSG Balingen und der Nachwuchs: Wer profitiert wirklich?
Klar ist: Die TSG ist strukturell besser aufgestellt als Holzhausen. Die Jugendabteilung arbeitet auf einem höheren Niveau, die Infrastruktur stimmt, der Verein hat Ambitionen. Aber was nützt der beste Nachwuchs, wenn die Spieler, die dort ausgebildet werden, am Ende in Holzhausen landen? Dann finanziert die TSG mit ihrem Aufwand die Konkurrenz im eigenen Derby.
Oberliga-Krise: Wie lange hat Schilling noch Kredit?
Die hiesige Presse war auffällig sanft mit der TSG nach Derbyniederlage. „Unglücklich“ sei die Niederlage gewesen, so der Tenor der schreibenden Zunft. Annel sagt, man stelle „das Gesamtkonstrukt nicht infrage.” Das ist ein Satz, den man sich merken sollte. Denn er zeigt, dass man in Balingen die Dinge noch ein bisschen schöner sieht, als sie wohl tatsächlich sind.
Die Frage ist, wie lange man dem Konstrukt noch Zeit geben will. Und wie viel Kredit Trainer Michael Schilling noch hat.
TSG Balingen muss Holzhausen als Konkurrenten akzeptieren
Die TSG wird die Klasse halten. Daran zweifelt wohl niemand ernsthaft. Aber sie muss akzeptieren, was der Freitagabend gezeigt hat: dass Holzhausen keine Randerscheinung mehr ist, kein Sammelbecken ausrangierter Balinger, kein netter Nachbar von unten. Holzhausen ist mindestens auf Augenhöhe. Und wächst weiter.
Die Niederlage saß – am Freitagabend und sie wird auch noch in den nächsten Wochen weh tun!
Über den Redakteur Matthias Zahner: Seit vielen Jahren berichte ich über den regionalen Sport im Zollernalbkreis. Als volontierter Redakteur, passionierte Kicker und Tennisspieler kenne ich die Sportplätze der Region von beiden Seiten. Bei Match.Report bin ich für die „Socials” zuständig und schreibe die Kolumne „So gesehen”.
