Wie sieht der Amateursport in 50 Jahren aus?

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Fussball C - Junioren Landesstaffel Mitte 1 2025/2026 27.09.2025 TuS Ergenzingen - SSV Reutlingen II (U14) Trainer Adnan Nuhija (re, TuS Ergenzingen) baut eine VEO Kamera auf FOTO: Pressefoto ULMER / Markus Ulmer xxNOxMODELxRELEASExx
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Mit dem Format „So gesehen“ blicken unsere Redakteure ganz ungezwungen und mit klugem Blick auf Themen rund um den Lokalsport. Humorvoll, kritisch, analytisch oder einfach beschreibend – wir wollen Themen darstellen, die nicht im geregelten und  wöchentlichen Rhythmus Platz finden und einen eigenen Platz bekommen. 

Diesen Text hat unser Redakteur Moritz verfasst – mehr zu ihm findet ihr am ende des Artikels und jetzt viel Spaß beim lesen!

Als ich letztens für eine Livestream-Produktion ins Studio gekommen bin, ist mir wieder klar geworden, wie verrückt die aktuelle Situation eigentlich ist. Auf der einen Seite streamen wir Spiele live bei Match.Report (keine Angst, dieser Text wird keine Lobeshymne auf das eigene Haupt), Mannschaften nutzen digitale Videosysteme für detaillierte Spielanalysen und bespielen ihre Social-Media-Kanäle teilweise richtig professionell. Auf der anderen Seite stehen wir immer noch in veralteten Kabinen und spüren die krasse Abhängigkeit vom Ehrenamt. Der Amateursport befindet sich mitten in einem gewaltigen Spannungsfeld zwischen digitaler Moderne und traditioneller Basis. Da habe ich mich gefragt: Wie sieht das Ganze wohl erst in der Zukunft aus? – Ein Versuch, in die Glaskugel zu blicken!

Fünfzig Jahre sind ein greifbarer Horizont, zu dem wir alle noch einen gewissen Bezug haben – die einen vielleicht als graue Eminenzen am Spielfeldrand mit einer Stadionwurst in der Hand, die anderen beim Betrachten der eigenen Kinder und Enkel. Wer sich intensiv mit dem regionalen Amateursport beschäftigt, stößt in Vereinsheimen oder Archiven immer wieder auf vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos: Mannschaftsaufstellungen aus den 1970er-Jahren, schwere Lederbälle, Ascheplätze ohne Flutlicht und Trikotsätze aus reiner Baumwolle. Das wirkt aus heutiger Sicht wie eine völlig andere Welt – irgendwie aber auch romantisch. Anlässlich genau dieser Bilder stellt sich die Frage, wie die Menschen im Jahr 2076 auf unsere heutigen Sportplätze zurückblicken werden – und wie deren Sonntag auf dem Sportplatz aussehen wird.

Die Entwicklung der letzten Jahre hat gezeigt, wie extrem sich der Amateursport bereits gewandelt hat. Vor allem die Digitalisierung ist an der Basis angekommen – sei es durch taktische Videoanalysen für den Sonntagsgegner oder durch moderne Livestreaming-Plattformen und Formate wie Match.Report, die regionalem Sport mit Livestreams, digitaler Redaktion und Highlights die mediale Bühne bieten, die früher nur den Profis vorbehalten war. Doch wenn das erst der Anfang war: Wie sehen die konkreten Knotenpunkte des Amateursports im Jahr 2076 aus?

Blickt man auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, wird schnell klar, dass die Professionalisierung an der Basis keineswegs stoppen wird. Was früher dem Profisport vorbehalten war, gehört schon heute bei vielen Bezirks- oder A-Ligisten zum Alltag: automatische Kamerasysteme an den Lichtmasten, digitale Spielberichte und Videoanalysen. Denkt man das 50 Jahre weiter, könnte die Datenerfassung auf dem Dorfsportplatz eine absolute Selbstverständlichkeit sein. Wenn Verbände und Vereine verpflichtend immer tiefere Spieldaten erfassen müssen, könnte die Kaderplanung datengetriebener werden. Plattformen wie Fupa bieten schon jetzt die Möglichkeit zum Eintragen von Torvorlagen. Vereinseigene KI-Tools und digitales Video-Scouting könnten im Jahr 2076 auf Knopfdruck den passenden Neuzugang im Umkreis von zwanzig Kilometern vorschlagen – exakt abgestimmt auf Laufwerte, Standardsituationen und spielerische Profile. Soft-Faktoren des Amateursports wie Wohnort, Beruf oder Ähnliches könnten dabei ebenfalls relevant werden. Dieser Gedanke muss jedoch auch noch gegenüber des Datenschutzes beweisen. 

Diese technische Aufrüstung könnte für viele Vereine sogar zur echten Überlebensstrategie werden. Denn an der Basis brennt an ganz anderen Stellen der Baum: Der schwindende Nachwuchs, der Rückgang in der Jugendarbeit und das schwere Erbe fehlenden Ehrenamts zwingen schon jetzt immer mehr Klubs zu Spielgemeinschaften oder gar zur Auflösung. Wenn eigene Nachwuchsmannschaften fehlen und die finanziellen Mittel im aktiven Bereich begrenzt sind, müssen Vereine künftig viel gezielter um die verbliebenen Sportler buhlen. Detaillierte Datenpools und smarte Ansprachen könnten helfen, Kaderlücken passgenau zu schließen, ohne Unsummen an Handgeldern zahlen zu müssen. Um diesem Spielermangel aktiv entgegenzuwirken, werden sich auch die bürokratischen Hürden der Verbände grundlegend verändern müssen. Während das klassische Doppelspielrecht heute oft noch an strenge Auflagen wie eine Mindestentfernung von 100 Kilometern zwischen Studien- oder Arbeitsort und Heimatverein gekoppelt ist, könnten diese Grenzen in Zukunft deutlich fallen – vielleicht auf 50 Kilometer oder gar noch weniger. Auch Aufgaben des Ehrenamtes könnten, leider gezwungenermaßen, durch technische Unterstützung abgefangen werden – viele Grüße an den automatischen Mähroboter.

"Was früher den Profis vorbehalten war, gehört schon heute bei vielen Bezirks- oder A-Ligisten zum Alltag: automatische Kamerasysteme an Hochstativen für Videoanalysen."

Gleichzeitig sickert der Profisport, professionalisiert durch Videoanalysen, Social Media-Auftritte usw., als ständige Blaupause immer weiter in den Amateurbereich durch. Der Videoschiedsrichter etwa, heute oft noch Gegenstand von Stammtischdiskussionen und finanziell schlicht unbezahlbar für untere Ligen, könnte in 50 Jahren dank automatisierter KI-Kameras längst Einzug auf dem Rasenplatz gehalten haben, um strittige Abseits- oder Elfmeterszenen binnen Sekunden auf der Bank aufzuklären. Die Ansätze mit Kamerasystemen, die ja bereits vor Ort sind sehen wir heute schon. Dieser Erklärungsanasatz hängt allerdings auch davon ab, wie sich der professionelle Fußball entwickelt. Wir alle kennen die Diskussion um den VAR.

Zudem könnte allerdings der Einfluss neuartiger Liga-Formate zunehmend relevanter werden. Phänomene wie die Baller League oder Icon League zeigen bereits heute, wohin die Reise gehen könnte: Kleinfeld-Ligen mit Event-Charakter, Regel-Anpassungen für mehr Dynamik und teils attraktiven finanziellen Anreizen für die Spieler. Wenn sich solche Formate weiter etablieren und womöglich regional nach unten durchschlagen, stellt sich die Prioritätenfrage für den klassischen Amateursport. Schon heute entscheiden sich talentierte Kicker aus der Region stellenweise eher für das Rampenlicht und die Aufwandsentschädigungen solcher Formate als für den gewohnten Spieltag im Amateurbereich, auch wenn das aktuell noch absoluten Seltenheitswert hat. Sollte sich dieser Trend in den nächsten Jahrzehnten weiter verstärken und kommerzialisieren, könnte dem traditionellen Ligabetrieb ein echter Wandel bevorstehen.

Es gibt viele Ansätze, sich dem Konjunktiv der obigen Zeilen und der Entwicklung des Amateursports anzunähern. Der gesamtgesellschaftliche Wandel, Tendenzen im Profisport und die Entwicklungen im Amateursport bieten zwar Anhaltspunkte, doch wie der Amateursport im Jahr 2076 exakt aussieht, bleibt spekulativ. Vielleicht laufen die Spieler in Trikots mit Tracking-Sensoren auf, während KI-Systeme die Taktik vorgeben und Kleinfeld-Event-Ligen den Ton angeben. Doch egal wie viel High-Tech, Daten und neuartige Ligen in 50 Jahren über die Plätze flimmern könnten: Am Ende lebt der Amateursport im Kern von denselben Elementen wie vor 50 Jahren – von der Leidenschaft, der Emotion, dem Zusammenhalt in der Kabine und dem Fachsimpeln nach dem Abpfiff. Und daran wird hoffentlich auch die beste Künstliche Intelligenz nichts ändern.

Über den Redakteur: Moritz Rohrer (23) ist seit 2022 als Redakteur für Match.Report im Einsatz. Neben seiner eigenen aktiven Laufbahn als Fußballer beim FC Rottenburg in der Verbandsliga deckt er redaktionell schwerpunktmäßig die Region Neckar-Alb ab. Ob am Kommentatoren-Mikrofon, in der Stream-Regie oder direkt am Spielfeldrand: Als Allrounder ist er überall dort am Ball, wo spannender Lokal- und Regional-Content entsteht.