Wendel: „Manchmal braucht es einfach andere Wege zur gleichen Lösung“ (Fünferkette)

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Handball Männer Regionalliga am 30.11-2025 in Albstadt (Mazmannhalle) HSG Albstadt - TSV Weinsberg Trainer Andreas Wendel (Albstadt)
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Ob im Drittliga-Kader der Männer bei der HSG Albstadt oder im Nachwuchs der weiblichen C-Jugend bei der HSG Hossingen-Meßstetten: Andreas Wendel ist täglich in sehr verschiedenen sportlichen Umfeldern gefordert. In seinem Fünferkette-Beitrag nutzt er diese Praxis-Erfahrungen, um der Frage nachzugehen, wie sich Trainingsmethoden und Kommunikation je nach Mannschaft anpassen müssen. Von anatomischen Faktoren wie der gezielten Kreuzband-Prävention über verfeinerte Zweikampf-Lösungen bis hin zu unterschiedlichen Reizen beim Aufwärmen beleuchtet er die feinen Stellschrauben in der Trainingsarbeit. Sein Fazit steht dabei fest: Das Umfeld und der Weg zur Lösung mögen sich unterscheiden, der Anspruch an Einstellung, Leidenschaft und Wille bleibt jedoch immer derselbe.

Trainiert man Mädchen eigentlich anders als Jungs?

Gleicher Anspruch, unterschiedliche Wege.

„Mädchen musst du anders trainieren als Jungs.“

Diesen Satz hört man im Handball immer wieder. Aber stimmt er eigentlich?

Ich durfte in meiner Trainerlaufbahn beide Seiten kennenlernen: Mädchen und Frauen genauso wie Jungs und Männer, vom leistungsorientierten Nachwuchs bis in den Erwachsenenbereich. Meine Antwort ist inzwischen ziemlich klar:

Ja, dort, wo Unterschiede tatsächlich relevant sind. Aber nicht, indem wir daraus unterschiedliche Ansprüche machen.

Denn genau das ist für mich der entscheidende Punkt: Gleicher Anspruch bedeutet nicht gleiches Training.

1. Körperliche Voraussetzungen

Der offensichtlichste Unterschied liegt im athletischen Bereich. Jungs und Männer bringen im Durchschnitt andere körperliche Voraussetzungen mit. Kraft, Explosivität, Schnelligkeit und Sprungkraft beeinflussen natürlich auch, wie Handball gespielt werden kann. Trotzdem wollte ich Mädchen nie einen vermeintlich einfacheren Handball beibringen. Meine Anforderungen an Technik, Entscheidungsverhalten und Spielverständnis sind grundsätzlich dieselben. Manchmal braucht es einfach andere Wege zur gleichen Lösung. Wenn die Lösung im Zweikampf nicht über maximale Explosivität funktioniert, müssen Timing, Täuschung oder Zusammenspiel besser sein.

Umgekehrt kann gerade bei Jungs körperliche Überlegenheit im Nachwuchs einiges kaschieren. Wer schneller, kräftiger und explosiver ist, findet Lösungen manchmal allein über seine Athletik. Aber auch dieser Spieler muss lernen, Situationen wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen und technisch sauber zu arbeiten.

Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb nicht:

Was können Mädchen im Vergleich zu Jungs nicht?

Sondern:

Wie können wir mit den vorhandenen Voraussetzungen den bestmöglichen Handball spielen?

2. Trainingssteuerung und Prävention

Ein gutes Beispiel für unterschiedliche Trainingswege ist die Verletzungsprävention.

Beim vorderen Kreuzband zeigt die Forschung einen deutlichen Unterschied. Eine Meta-Analyse über verschiedene Mannschaftssportarten kam zu dem Ergebnis, dass die Rate an Kreuzbandverletzungen bei weiblichen Athleten etwa 2,15-mal so hoch war wie bei männlichen Athleten.

Wenn ich das weiß, muss es Konsequenzen für mein Training haben.

Prävention gehört für mich grundsätzlich in jedes Training. Im Mädchenbereich arbeite ich aufgrund dieses erhöhten Risikos aber noch gezielter daran.

Kraft, Stabilität, Beinachsenkontrolle sowie saubere Sprung-, Lande- und Richtungswechselbewegungen gehören für mich fest zur Ausbildung und sind Bestandteil des Warm-ups.

Bei Jungs und Männern liegt ein anderer Schwerpunkt nahe. Untersuchungen im Handball zeigen einen höheren Anteil akuter Verletzungen durch direkten Körperkontakt. Auch darauf kann und muss ich im Training vorbereiten: durch körperliche Robustheit, Rumpfstabilität, Gleichgewicht und vor allem dadurch, Bewegungen und Zweikämpfe auch unter Kontakt kontrolliert ausführen zu können.

Gleicher Anspruch bedeutet eben nicht identisches Training.

3. Führung und Persönlichkeit

Schwieriger zu greifen sind die Unterschiede, wenn es um Kommunikation, Motivation und Persönlichkeit geht.

Gerade im Mädchen- und Frauenbereich habe ich häufig erlebt, dass Vertrauen, Stimmung und die Art der Ansprache einen großen Einfluss darauf haben können, wie eine Mannschaft ins Training oder ins Spiel findet. Bei Jungs und Männern funktioniert der Zugang nach meiner Erfahrung häufiger über Konkurrenz und das direkte Messen miteinander.

Eine Aussage aus einer Untersuchung im internationalen Frauen-Rugby beschreibt diese Beobachtung für mich ziemlich treffend. Ein Trainer mit Erfahrung im männlichen und weiblichen Leistungssport formulierte seine Wahrnehmung sinngemäß so:

„Männliche Athleten spielen gut, um sich gut zu fühlen. Weibliche Athleten müssen sich gut fühlen, um gut spielen zu können.“

Natürlich ist das kein wissenschaftliches Gesetz. Aber ich erkenne darin einiges aus meiner eigenen Trainerarbeit wieder. Und genau deshalb versuche ich, diese Erfahrungen auch ganz praktisch in mein Training einfließen zu lassen. Das beginnt bei mir teilweise schon beim Warm-up.

Bei meinen Mädchen versuche ich bewusst, zunächst ein gutes Klima zu schaffen. Wir starten mit Musik, kommen gemeinsam in Bewegung und gehen anschließend in die körperliche Präparation mit Aktivierung, Stabilität und Prävention. So verbinde ich das Ankommen in der Halle direkt mit den Inhalten, die mir gerade im Mädchenbereich wichtig sind.

Bei Jungs wähle ich häufig einen anderen Einstieg. Dort beginne ich gerne mit einem kleinen Wettkampf, einem Ballspiel oder auch mal Fußball. Sie können sich sofort messen, es entsteht Dynamik und meistens sind sie innerhalb weniger Minuten auf Betriebstemperatur.

Aber genau hier ist mir eine Sache wichtig: Das sind Erfahrungen und keine Gebrauchsanweisung für Mädchen und Jungs.

Denn Unterschiede wahrzunehmen bedeutet für mich nicht, daraus feste Regeln zu machen.

Die Kunst unserer Berufung

In meiner letzten Fünferkette habe ich über den Satz „Einstellung ist nicht verhandelbar“ geschrieben. Und genau das gilt für mich auch hier.

Egal ob Mädchen oder Jungs, Jugend oder Aktive: Mein Anspruch an Einsatz, Leidenschaft und Wille verändert sich nicht.

Was sich verändern darf, ist der Weg dorthin. Ich kann unterschiedlich trainieren, unterschiedlich kommunizieren und unterschiedliche Schwerpunkte setzen, ohne unterschiedliche Erwartungen an die Haltung einer Mannschaft zu haben.

Gleicher Anspruch bedeutet für mich also nicht gleicher Weg.

Unterschiede zu ignorieren wäre falsch. Aber genauso falsch wäre es, Menschen aufgrund dieser Unterschiede in Schubladen zu stecken.

Vielleicht besteht genau darin die eigentliche Kunst unserer Berufung: zu erkennen, wann das Geschlecht tatsächlich eine Rolle spielt und wann der Mensch vor uns entscheidend ist.

Denn am Ende trainieren wir keine Kategorien. Wir trainieren Menschen.

Und beim nächsten Mal möchte ich den Blick noch etwas weiter öffnen: Wenn wir sportlich den gleichen Anspruch formulieren, sind eigentlich auch die Voraussetzungen im männlichen und weiblichen Handball dieselben?

Professionalisierung, finanzielle Möglichkeiten, mediale Aufmerksamkeit, Trainingsbedingungen und Karriereperspektiven: Darum geht es in meiner nächsten Fünferkette.

HSG Albstadt Logo

Andreas Wendel

HSG Albstadt
Fünferkette Porträt
🎯 Aktuelle Station
HSG Albstadt (Männer 1)
Cheftrainer • Aufstieg in die 3. Liga (2026)
📍 Region & Verband
Zollernalb
Aktiv als Verbandstrainer in der Talentförderung
🗺️ Der bisherige Weg
HSG Hossingen-Meßstetten
Sportlicher Leiter, Vorstandsmitglied und Nachwuchstrainer (tiefe regionale Verbundenheit).
JSG Balingen-Weilstetten
Über 8 Jahre prägende Arbeit im leistungsorientierten Nachwuchshandball.
Höherklassiger Frauenhandball
Weitere wichtige Trainerstationen im überregionalen Bereich.
🏆 Highlights & Erfolge
BW-Meister (C-Jugend) Jugendbundesliga-Qualifikation DHB-Pokalsieger (B-Jugend) Talente in 1. & 2. Bundesliga Jugend-Nationalspieler geformt
🧠 Trainer-Philosophie

„Warum Talent allein nicht reicht“: Der Fokus liegt nicht ausschließlich auf dem sportlichen Erfolg, sondern auf der nachhaltigen Entwicklung junger Spielerinnen und Spieler – sowohl sportlich als auch persönlich.

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