Höheres Tempo, mehr Physis und ein spürbar höherer Druck: Der Aufstieg in die 1. Bundesliga stellt den TV Rottenburg vor neue sportliche Herausforderungen. In seinem neuen Fünferkette-Beitrag gewährt Cheftrainer Jan Scheuermann ehrliche Einblicke in die Arbeit des Trainerteams und die interne Kommunikationskultur. Er beleuchtet das Spannungsfeld zwischen vorhandenem Potenzial und der Notwendigkeit, ehrliche Rückmeldungen ohne Abwehrhaltungen oder Rechtfertigungen zu akzeptieren. Ein reflektierter Blick auf die Lernkurve eines Liga-Neulings, bei dem sportliche Weiterentwicklung beim eigenen Umgang mit Kritik beginnt.
Feedback ist ein Geschenk, wenn man es annimmt…
Drei Ligaspiele und ein Pokalspiel liegen hinter uns, und eines ist uns in dieser Zeit sehr klar geworden: Wir sind neu in der Liga, wir haben viel Luft nach oben und müssen in vielen Dingen besser werden, aber wir haben auch Potenzial. Beides gehört zusammen. Und genau deshalb beschäftigt uns als Trainerteam gerade ein Thema besonders: Wie gehen wir mit Feedback um, und wie bereit sind wir wirklich, an uns zu arbeiten?
In den ersten Spielen wurde schnell klar, dass das Niveau in der 1. Liga ein ganz anderes ist als in der 2. Liga. Alles ist schneller, druckvoller, physischer. Die Spiele haben uns gezeigt, dass wir in einigen Punkten mithalten können, uns in anderen Elementen aber weiterentwickeln müssen, um konkurrenzfähig zu sein.
Das Niveau, das uns teilweise mehrmals die Woche in den Spielen erwartet, können wir im Training nur bedingt abbilden. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Zeit im Training nutzen und gezielt an bestimmten Dingen arbeiten, um sie dann im Wettkampf abrufen zu können.
Wir versuchen deshalb, viel mit den Jungs zu sprechen: worauf es ankommt, was uns fehlt, wo wir Potenzial haben und was für jeden Spieler die nächsten individuellen Schritte sein können.
Wer sich verbessern will, muss die Unterschiede zu anderen Teams kennen und verstehen, wo das eigene Potenzial liegt, und dafür braucht es ehrliche Rückmeldung. Man kann nicht an etwas arbeiten, das man nicht sehen will.
Genau hier tun wir uns manchmal schwer. Wir haben viele Persönlichkeiten in der Mannschaft, die mit Feedback und Kritik nicht gut umgehen können, vor allem wenn wir Dinge klar benennen und einfordern. Wir erleben immer wieder dasselbe: Es wird gerechtfertigt. Ein „Ja, aber“, eine Erklärung, warum es in dieser Situation nicht anders ging. Ausreden. Anscheinend fühlen sich die Jungs angegriffen, und es fällt ihnen schwer, die Sicht der Trainer anzunehmen, die ihnen doch nur helfen wollen. Das Problem ist: Solange man sich verteidigt, hört man nicht mehr zu. Und wer nicht zuhört, kann nichts verändern.
Dabei gilt für alle dasselbe: Wer neu auf diesem Niveau ist, kennt vieles noch nicht, und niemand hier hat alles gesehen. Wir als Trainerteam übrigens auch nicht. Auch wir lernen jeden Tag dazu, hinterfragen uns und holen uns Rat von außen. Genau diese Haltung erwarten wir von der ganzen Mannschaft: offen sein, neugierig bleiben und nicht davon ausgehen, dass man schon alles weiß oder alles kann.
Wir achten außerdem darauf, wie wir selbst Rückmeldung geben. Sie soll sich auf die Situation und die Handlung beziehen und nicht auf die Person: Was ist passiert, was wäre besser gewesen, was probieren wir beim nächsten Mal? Und die Mannschaft soll eines verstehen: Wenn wir Feedback geben, wollen wir dem Spieler helfen. Wir greifen niemanden an. Wir sagen es, weil wir glauben, dass er es besser kann.
Und dann kommt der entscheidende Punkt: die Bereitschaft, wirklich an sich zu arbeiten. Feedback anzunehmen ist der erste Schritt, es umzusetzen der zweite. Wir müssen uns als Mannschaft eingestehen, dass wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen, ohne uns davon runterziehen zu lassen. Denn das Potenzial ist da. Wir sehen es vor allem in einzelnen Phasen im Spiel. Aber Potenzial ist nur das Versprechen auf etwas, und ob wir es einlösen, hängt davon ab, ob jeder Einzelne bereit ist, zuzuhören, anzunehmen und umzusetzen.
